Türchen 19 – Prioritäten und Abwägungen

AK19

Klar im Kopf, nobel, reitbequem und leistungsfähig – über alles andere können sich die Experten streiten.

Die Feststellung dessen, was exterieurmäßig sichtbar ist und was sich aus dem Zusammenspiel der Kräfte ergibt (geistige und konstruktionelle Werte ) fixiert und rundet das Beurteilungsbild. Dieses allein reicht jedoch noch nicht aus, um zu einer Entscheidung zu kommen. Jetzt nämlich kommt zum Zuge, was den schwierigsten Teil der ganzen Beurteilung ausmacht: Die Bewertung. Und diese ergibt sich aus dem niemals auszuschließenden Abwägen von guten und weniger guten Eindrücken. Erst jetzt gilt es Farbe zu bekennen. Sich selbst gegenüber und – wo dies gegeben ist – Auge in Auge mit einer züchterischen oder beobachtend beteiligten Öffentlichkeit.

In diesem Kapitel sind neben den Materialprüfungen auch Körungen und Stutenschauen in den Focus gerutscht. Laut Köhler verbietet sich die Schwarz-Weiß-Malerei bei der Beurteilung des lebenden Individuums Pferd und er fordert, sich des Problems in Form von Priorisierung und Gewichtung der einzelnen Merkmale zu stellen und so zu erreichen, dass die Beurteilungssystematik „gerechter“ wird.

Laut Köhler kann die Aufstellung an der Hand lediglich für ein registrieren von Alter, Abstammung und erstem Eindruck dienlich sein, wobei sich Beeindruckendes sich beim Betrachter hier ebenso einprägen wird, wie mögliche „Mängel“. Eine tatsächliche Bewertung der Zuchttiere sieht er aber erst nach der Präsentation in Bewegung als möglich an. In wie weit hier mit Noten hantiert werden sollte und ob dies besonders zweckmäßig ist, stellt er ebenso in Frage.

Da wird ein im Stand etwas durchhängender Hals plötzlich zum erhabenen Kragen, das etwas lange Mittelstück zur federnden, schließenden Brücke und das etwas gerade Hinterbein zum weit unter den Schwerpunkt vorgreifenden Hebel.

Wir trauen uns anhand dieses Beispiels mal an eine Interpretation:
Wenn das etwas gerade Hinterbein, das wegen Abweichungen vom definierten Ideal eine „7“ erhält, seine Funktion aber für eine „9“ erbringt – Wie kann dann die „7“ noch ausschlaggebend sein?

Wenn das im Stand mit „8“ bewertete große und breite Sprunggelenk in der Bewegung schlackert, instabil ist und so seine Funktion nur für eine „6“ auszuführen in der Lage ist, wie kann dann die „8“ noch Bestand haben?

Köhler sieht auch die Schwierigkeit der Bewertung durch „universell ungeübte Pferdeleute“ – sprich, die reiterlich wenig (oder gar nicht) geübten, können sich eine Vorführung an der Hand nicht in reiterliche Wertigkeiten „übersetzen“. Umgekehrt ist es aber genau so. Einem Reiter, der sich noch nicht intensiv mit Konstruktionsmerkmalen auseinander gesetzt hat, sagt die Präsentation an der Hand nichts! Er verbindet nicht Eigenschaften mit Fähigkeiten / Möglichkeiten.

Das nächste Thema ist die Sattelkörung…. Ups!! 1982 das war schon ein Thema??!! Ja, in der Tat, das war es und – wie man lesen kann – noch viel weiter davor!!

Auch fand der frühere Oberlandstallmeister Georg Graf Lehndorff die Möglichkeit, das Köralter für Hengste auf 3 Jahre (statt 2½ Jahre) zu verlegen, bei welcher Gelegenheit die Hengste auch unter dem Reiter bewertet wurden. Diese Regelung entfiel dann einige Jahre nach dem ersten Weltkrieg wieder, als man zunächst nur noch wenig Remonten für das 100 000-Mann-Herr benötigte und die Landespferdezucht in erster Linie auf eine landwirtschaftliche Arbeitsnutzung ausgerichtet werden musste. Heute haben wir nun ausschließlich nur noch eine Zucht von Reit- und Leistungspferden. Wie viel gezielter kann man heute züchterisch arbeiten, nur mit diesem einen Ziel! Wer dies richtig erkennt und konsequent danach handelt, wird schwer zu schlagen sein.

Bei der Passage mussten wir schon schlucken!! Da behält man flächendeckend eine Exterieurkörung an der Hand bei, obwohl unsere züchterischen Vorväter es vor gut 100 Jahren schon besser wussten?  Über manches kann man nur den Kopf schütteln….

Köhler kommt dann zum Soll und Haben  – dem „Kontostand“ der Beurteilung. Er beschreibt, dass Solidität gewahrt werden und Extravaganz gewürdigt werden muss. Die höchste Priorität gibt er der ausreichenden Sattellage, da das Beurteilungsobjekt ausdrücklich als Reitpferd zu werten ist. Es folgen die Rückentätigkeit und die Elastizität, ein geregelter Bewegungsablauf mit tief unter den Schwerpunkt greifender Hinterhand und einem bodendeckendem Bergauf dann Maul Genick und Halsung.

Schließlich sind Maul Genick und Halsung schon beim jungen Pferd besonders wichtige Wertungsfaktoren und nicht etwa ein erst später reiterlich zu gewöhnendes oder formendes Beiwerk. 

Zum Fundament kommend schließt er natürlich grobe Fehler und Lahmheiten aus, gibt ihm aber sonst kein sonderliches Augenmerk.

Sicher, ohne Beine kann ein Pferd weder stehen, noch sich bewegen. Da aber jedes Pferd vier Beine hat, kann es stehen und sich der Qualität seines Bewegungsablaufes in unterschiedlichen Konstruktionen entsprechend bewegen und einen Reiter tragen. Auf verstellten, rückbiegigen gewinkelten oder sonst welchen Beinen (Lahmheiten, stumpfes Gehen oder klinisch bedenkliche Erscheinungen stehen sowieso außen vor). Das Fundament kann demnach die prioritären Reitwerte, die ein zweckmäßiges, bequemes Sitzen, eine losgelassen schwingende Rückenarbeit, einen kompressiven Bewegungsablauf in ausgewogener Haltung und angenehme Handlichkeit und Durchlässigkeit garantieren, weder ersetzen, noch in ihrer vordringlichen Bedeutung erreichen. Die Korrektheit eines Reit- und Leistungspferdes liegt in erster Linie darin, dass die eigentlichen Reitwerte vorhanden sind. Das Fundament ist in vielen Variationen in der Lage, die eigentlichen Reitwerte zu tragen und wirksam werden zu lassen. Da „korrekteste“ Fundament aber ist nicht in der Lage, „Unkorrektheiten“ in den vorgenannten Prioritäten auszugleichen oder aufzuheben [..].

Köhler warnt eindringlich vor der Fixierung auf sogenannte Fehler und spricht ein wenig ironisch auch von Komplexen beim Beurteiler. Vier Richter, fünf Meinungen – kurz keine Übereinstimmung in der Auslegung der Prioritäten. Geschichten aus dem Leben erzählen, wo wer welche Prioritäten setzt, jeder seine ganz persönlichen. Diese Prioritäten werden dann – wieder ganz persönlich – gegeneinander abgewogen und so findet man zu einem Urteil, einer Entscheidung. Auch hierfür folgen wieder viele Beispiele und alleine dieses Kapitel empfiehlt dem Interessierten einfach mal nach einem gebrauchten Exemplar des Buches in einer Auktion oder Ähnlichem Ausschau zu halten. Es ist wirklich lesenswert!

Eines hier zum Beispiel, weil wirklich JEDER dieses Pferd kennt:

Sie haben die Wahl, als Leistungspferd (Military oder Springen) entweder eine hochgradig sensible Blutstute mit gazellenhaften Springanlagen oder einen harten, kompakten, mit genügend Geist ausgestatteten Warmblutwallach, der über viel power im Springen verfügt, in Ausbildung zu nehmen und auf Turnieren zu starten. Kurz bevor sie Ihre Entscheidung treffen sollten, wird ihnen noch bekannt, daß die Stute webt. Nehmen Sie lieber den soliden, den mächtig springenden Hunter oder doch lieber das etwas nervige aber geniale Blutpferd? Hans-Günter Winkler entschloß sich zu Halla und ließ den von Dr. h. c. Gustav Rau avisierten Wallach für andere stehen. Ihm war die geistige Beweglichkeit und körperliche Gewandheit der Stute interessanter, und er nahm in Kauf, daß sich Halla besonders in erster Zeit zwischen „Genie und Wahnsinn“ bewegte. Ein weiterer Kommentar zu dieser Olympia- und Weltmeisterschaftsstute dürfte sich erübrigen.

Zum Schluss des Kapitels heißt es niemals „nie“ sagen. Köhler erklärt jeden Richter / Gutachter für untauglich, der sich nicht von Vorurteilen frei machen kann und das zu prüfende Indiduum ganz unbefangen beurteilt. Zugegeben, hier zucken wir auch kurz zusammen, denn natürlich sind auch wir nicht vorurteilsfrei. Und ehrlicherweise müssen wir auch eingestehen, dass wir bei verschiedenen Aspiranten einer Zuchtschau geradezu nach dem erwarteten „Fehler“ suchen…. Aber lesen bildet ja bekanntlich und so werden wir uns das mal als Ziel für 2014 setzen: Einfach nur ganz unbefangen gucken!

Wir „Trakehner“ kämpfen ja gerne mit Vorurteilen. Richter, Reiter, Stallbetreiber. Manifestiert und gepflegt im Konkurrenzkampf von den Landespferdezuchten. Vielleicht sollten wir gerade vor diesem Hintergrund den Anspruch an uns selber stellen, besonders neutral zu sein, denn wer kennt sie nicht, die Sprüche vom siebten Gewährsmangel? Lächeln heißt dann die Devise und passend wechseln!

Zum Abschluss des heutigen Türchens also ein paar Tips, breit lächelnd den Vorurteilen zu begegnen und was zum schmunzeln:

Trakehner, von 1000 tut et ener!
→ Genau! Und dat is meener 🙂

Trakehner, der siebte Gewährsmangel!
→ Hannoveraner reiten kann jeder!
→ Alternativ: Pferde mit Köpfchen für Reiter mit Köpfchen! 😉

Und hier ein schöner Spruch von Köhler für alle, die sich mit „Mangel“ des leichten, blütigen Fundaments auseinander setzen müssen:

Sagen sie dem Blutarmen, wenn er Knochen gebrauche für seinen Hund, so würden sie ihm diese besorgen!

😀