Türchen 8 – Poesie und Poesielosigkeit

AK8

Poesie beim Pferde hat etwas Bezauberndes, das dem Menschen wohltut und ihn Bedrückendem entrückt. Ein „Konigreich für ein Pferd?“ Ja, aber nicht in erster Linie für sein „Gebäude“, sondern für seine Tugenden!

Diese beiden Passagen sind so zauberhaft beschrieben, dass wir das Türchen der Nummer acht heute dafür nutzen mögen, diese einfach komplett zu zitieren. Und ganz nach freier Interpretation – denn schließlich ist es unser Adventskalender – möchten wir hier feststellen: Der Trakehner ist definitiv unter der Rubrik „Poesie“ beschrieben! 😉

Poesie
Pegasus ist hier nicht gemeint, wohl aber eine Art Zauber, der den Reiter im Sattel umfangen kann auf feinfühligem, aufmerksamen Pferde in leichtfüßiger Federkraft. Sein unbekümmertes Selbstbewußtsein beflügelt den vielleicht gar nicht poetischen Menschen auf schwingendem Rücken, läßt ihn Sorgen und Verspanntheit vergessen. Des Pferdes Feinsinnigkeit bemerkt vor ihm in plötzlich leichtem Verhoffen einen Wechsel des Wildes, beobachtet aufmerksam etwas sich bewegendes am Horizont, staunend zum Halten kommend oder ohne seinen Bewegungen Einhalt zu gebieten.

Ähnliches Feinempfinden spürst Du im Umgang, auch beim Reiten zwischen vier Wänden, und empfindest es wohltuend, wirst glücklich darüber, wie das Pferd auf Dich eingeht, ohne sich unterwürfig nach Dir zu richten, eingeht auch auf die Musik, die Dich hörbar begleitet, wenn nicht gar lautlos mitschwingt im Knirschen des Leders und dem Abprusten Deines Pferdes. Auch solches ist Inhalt einer Beurteilung des Pferdes: Derweil es eben auch gänzlich poesielose Exemplare dieser Gattung gibt.

Poesielosigkeit
Um alles ganz und gar verständlich zu machen, soll hier auch noch die Kehrseite des vorhergehenden Themas beleuchtet werden. Wenn man sich schon morgens nicht freuen kann, weil einen das solide Gebrauchspferd dämlich begrüßt, fehlen einem schon mal drei Groschen an der Mark. Die sind schwer wieder reinzuholen, zumal dann, wenn wenig Wahrscheinlichkeit besteht, daß bei dem „Haustier“, das sich überdies noch im Mist gewälzt hat die Sonne durchkommt.
Die vier strong legs, an denen nichts zu tadeln ist, machen die Sache auch nicht besser, wenn eine dieser Extremitäten auf zartem Menschenfuß landet.
Beim Aufsizten mildert sich wenig, wenn „Mungo“ ob eines plötzlich visitierenden Hundes einen Trompetenstoß losläßt und gleichzeitig den Zagel hochreißt, dessen gut verlesendes Langhaar sich dem Reiterface wie ein Helmbusch über die hohe Stirn entfaltet.
Wenn das „dumme Stück“ dann breitbeinig äpfelnd vom Hofe schleicht und plötzlich kehrt macht, weil ein vorbeiwandelnder Geheimrat artig, aber stoßartig den Hut zieht, ist ein gut Teil der Morgenstunde schon dahin.
Es bleibt bedeckt und wolkig“, wenn eines der erstklassig geformten Vorderfußwurzelgelenke plötzlich einknickt und stolpernd der geschmeidigen Reiterhüfte einen ernsthaften Stoß versetzt. Während der lange Zügel bei dem Gerumpel fast vollständig entgleitet, bleibt der zweite Fluch des Morgens nicht aus.
Der „feinsinnige“ Fuchs, der muffelig weiter dahingeht, ohne daß er temperierten Fleißes dahinwandert, fühlt jetzt einen Knuff mit den Schenkeln, zwei Sporen – zack – von jeder Seite und einen Arrèt der Reiterhand. Dies soll ihn mit Leben, mit Geist erfüllen.
Aber er muckt nur kurz auf und trottet weiter, wenngleich für einige Meter beschwingter. Vor einer Wasserpfütze bleibt er steh’n. Er hat einen willkommenen Anlaß gefunden, seinem Wesen die Treue zu halten.
Laßt‘ mich nur in meinem Sattel gelten“ mag der Reiter hoffnungsvoll gedacht haben, denn es war Goethe-Jahr. Stattdessen kam der nächste Fluch, und die Gerte hob sich voll aus dem Arm. Aber das kannte „Mungo“ schon, senkte seitlich sein unkluges Haupt und sprang wie ein Klotz zur Seite.
Eine schadhafte Bandscheibe hätte ein böses Vergnügen gehabt. Dafür lag aber die Gerte im Wasser. Der Reiter saß ab, zog den Zügel vorwärts, „Mungo“ denselben rückwärts. Vom Morgen ging weiteres dahin.
Ein Blick auf die Uhr gemahnte Rückkehr im leichten Trab. Trab war’s, aber es war nicht leicht. Auf der Hand türmten sich Zentner. Und, weil der Fuchs sich freute, daß es stallwärts ging, polterte er los und mißachtete alle Arten erst beherrschter, dann insterburgernder Paraden.
Wenn Binding den geritten hätte!