Türchen 21 – Ein Selektionssystem wirft Fragen auf….

ak2016-21Anfang April erwarten wir Blümchens erstes Fohlen vom Hengst Davidas. ein Junghengst, der leider vor kurzem seinen 50-Tage-Test nicht bestehen konnte. Er befand sich hierbei in prominenter Gesellschaft, aber das hilft ja auch nicht weiter. Fakt ist, vorläufig darf er nicht decken. Er hat nach Reglement diverse Möglichkeiten, sich, seine Rittigkeit und seine Sportlichkeit zu beweisen. Wir warten es ab und sind gespannt. – Was anderes bleibt ja sowieso nicht über….Aber gewundert haben wir uns doch. Interieur, Charakter und Leistungsbereitschaft mit jeweils einer 7 – ebenso die Rittigkeit… Hat der Hengst versucht, die Bereiter zu fressen??!!

Parallel fanden natürlich auch andere Leistungsprüfungen statt und auch andere fielen durch. Hüben wie drüben. Alle Rassen betroffen. So sah man einen früheren hannoverschen BuCha-Finalisten bei den Durchfallern. Reitpferde- sowie Dressurpferde A und L zu Hauff gesiegt und platziert und im 50-Tage-Test  hat er dem Fremdreiter komplett den Dienst quittiert. Wie kann so etwas sein?! Man mag doch annehmen, dass sich einer reiten lässt, wenn er in das Finales des Deutschen Reitpferdes läuft? Oder nicht? – Was also genau führt dazu, dass solch ein Pferd komplett den Dienst quittiert?

In wieder einem anderen Fall durfte man von Seite der Hengsthalterin bei Facebook folgendes Statement lesen: “ XX  erholt sich von den Strapazen der HLP….Seinen beginnenden Zungenfehler und seinen festgehalten Rücken werden wir wohl wieder hin bekommen….sollte sich an diesem System nichts ändern, geht von mir kein Hengst mehr diese Prüfung…“

Ein Zungenfehler ist immer durch die Reiterhand verursacht. Punkt. Da gibt es kein rechts und kein links dran vorbei. Die Hand wirkt unangemessen aufs Pferdemaul und das Pferd versucht dem Druck auszuweichen. Man kann sagen: „Doofer, unrittiger Bock, der sich das nicht gefallen lässt“ oder aber man überdenkt seine Zügelführung.

Was ist das also für ein System?!

Möglicherweise kann das vielseitige Pferd neben den Spezialisten ja nicht mehr bestehen und erhält für seine „normalen“ Bewegungskompetenzen im Trab dann beispielsweise nur eine 7. Wie will man denn aber eine Rittigkeit bewerten, wenn es zuvor dem Reiter gelang einen Zungenfehler zu produzieren? Zeichnet sich Rittigkeit heute dadurch aus, wie sehr einer an sich rum zerren lässt? Sein Interieur und seine Leistungsbereitschaft dann direkt mit? Und Schritt und Galopp bei schlechter Zügelführung? – Ist ja dann auch Essig….

Anfang Dezember hatten wir ursprünglich geplant gehabt, die „Bemerkungen und Zusammenhänge“ von Major a.D. Paul Stecken mit in die Türchen einfließen zu lassen. Dieses Vorhaben haben wir aber wieder verworfen, weil sich das kleine Büchlein nicht zum „Zerpflücken“ eignet. Wir möchten sein Studium trotzdem jedem ans Herz legen. „Richtig reiten reicht!“ ist wohl der bekannteste Satz aus dem Mund von Paul Stecken. Nun so „richtig reiten“ können wohl die wenigsten. Aber bemühen darum sollten sich doch alle. in seinem Buch schreibt er bezüglich der Remontenausbildung: „Bei der Ausbildung standen Wohlbefinden und Gesundheit der jungen Pferde stets an erster Stelle.“ Es hat den Anschein, dass dies heute in den Leistungsprüfungen nicht mehr gegeben ist. Denn ein jener, der einen Zungenfehler in Kauf nimmt, ohne seine Reiterei, seine Ausbildungskompetenzen zu hinterfragen, der ist mit Sicherheit eines NICHT und das ist bemüht!

Die Leistungsprüfung soll der Sicherstellung des Zuchtfortschrittes dienen und dieser scheint sich aktuell alleinig durch Bewegungskompetenzen und Springvermögen zu definieren. Das ganze möglichst kurz unter die Lupe genommen, 50 Tage müssen reichen, um die jungen Hengste in Prüfungsform zu „pressen“. Es geht nicht darum, zu bewerten, wie ein Hengst sich im Rahmen seiner Möglichkeiten arbeiten lässt, nein, er hat gefälligst für eine 8 zu traben. Oder zu springen. Je nachdem in welcher Prüfung er gerade gelandet ist. Das vielseitige Pferd gehört hier nicht her. Der Weg wird über den Sport gehen müssen und ungleich länger und teuer sein. Vom Züchter, Aufzüchter und Hengsthalter dieser Typen wird noch mehr Idealismus als jetzt gefordert sein. Aber auf lange Sicht werden uns so sicher die besten erhalten bleiben. Die Sportler. Und die, die dann nicht mehr dabei sind – aus welchen Gründen auch immer – nun, auf die wird man wohl auch im Gros verzichten können.

Wir sind nach wie vor Befürworter davon, dass keine ungeprüften Hengste in den Zuchteinsatz gelangen. Bei Davidas vertrauten wir aufs Pedigree – ein Pedigree, dass Spitzensportler über Generationen offeriert. Wir vertrauten auf unseren Eindruck beim Interieur und der war nicht nur „7“. Wir sahen Davidas im Sommer und er machte einen ordentlichen Job im Parcours. Und möglicherweise erlang er seinen SpringpferdeA**-Sieg auch in einem sächsischen Kaff, aber immerhin starteten in dem Kaff noch 23 andere in dieser Prüfung. Also kann es so ganz verkehrt auch nicht gewesen sein.

Möglicherweise war die Vorbereitung für den 50 TT nicht ausreichend. Die Ausbildung im Vorfeld nicht solide genug. Hier müssen sichdie Verantwortlichem im Landgestüt Kritik gefallen lassen und sich schön an die eigene Nase fassen. Das war nämlich ihre Aufgabe. Sie sollten die Profis in dem Gebiet sein und zu einer korrekten Einschätzung und Vorbereitung ihres Schützlinges, in den einige Züchter ihre Hoffnungen gesetzt hatten, in der Lage sein. Mit diesen Hoffnungen nachlässig umzugehen, gehört sich einfach nicht!

Vielleicht ist Davidas aber auch tatsächlich für das Gros der Reiter einfach nicht zu bedienen. Ebenfalls eine Möglichkeit, mit der es dann zu leben gilt.

Alles ist Spekulation, wir waren bei keiner HLP anwesend und können uns so zu keiner eine Meinung bilden. Zu unseren Davidassen können wir nur sagen, dass sie interieurmäßig echte Zuckerstücke sind!! Beide!

Konform der HLP-Statuten besteht für Davidas nun die Möglichkeit der Wiederholungsprüfung oder die Nutzung der Sportprüfung. Vielleicht ist letztere das beste Mittel der Wahl.  Wir drücken in jedem Falle die Daumen und sind gespannt!

3 Gedanken zu „Türchen 21 – Ein Selektionssystem wirft Fragen auf….

  1. die Qualität der Ausbildung der reiter muss dringend überdacht werden! und das schon seit Jahrzehnten…. will aber keiner hören…..

  2. Es gibt nichts zu verzeihen, schon gar nicht Unkenntnis in einer Sache, die einen nicht berührt. Ganz kurz skizziert:

    Der Hengst erhält das Körprädikat durch den Zuchtverband (der zu diesem Zeitpunkt irgendetwas in ihm sieht, dass er glaubt, dieses Individuum könne positiven Einfluss auf die Rasse nehmen). Die Eintragung in HB 1 (die notwendig ist, damit die Nachfahren ein Papier erhalten) erfolgt dann nach erfolgreich abgelegtem 14 Tage-Test (7,80 und besser), die endgültige Eintragung und Zuchtzulassung erfolgt nach dem 50 Tage Test, der ebenfalls mit 7,8 und besser absolviert werden muss. Parallel bestehen Sportprüfungen und BuCha-Quali als weiterer Qualitätsnachweis für den Eintrag in HB1.
    Und ja, die 7 ist in diesem Fall – gerade bei den Kopfnoten (Interieur, Charakter/Temperament, Leistungsbereitschaft) – sehr schlecht! Der gemittelte Wert aller Prüflinge war hier jeweils ~8,6. Genaues zur HLP, der ganzen Verordnung und ihren Möglichkeiten bis hin zu den Ergebnissen findet man unter http://www.pferd-leistungspruefung.de/

    Danke für das Kompliment für unseren Kalender, es freut uns, dass er gelesen wird.

    Viele Grüße
    Simone Schönbeck

  3. Ich bin kein Züchter und kenne daher das ganze Prozedere nur am Rande. Verzeiht bitte meine Unkenntnis.
    Wie ist der Werdegang eines Hengstes bis zur endgültigen Zulassung? Körung, und dann? Und wahrscheinlich ist das auch noch für jeden Zuchtverband anders?

    Ein Hengst darf also vor dem 50-Tage-Test schon decken? Aber gekört ist er schon zu diesem Zeitpunkt? Da sollte man als Zuchtverband vielleicht die Frage stellen, warum man einen nicht endgültig zugelassenen Hengst überhaupt decken lässt?

    Diesen Satz habe ich nicht ganz verstanden: „Interieur, Charakter und Leistungsbereitschaft mit jeweils einer 7 – ebenso die Rittigkeit… Hat der Hengst versucht, die Bereiter zu fressen??!!“
    Bedeutet das, eine 7 ist so ’schlecht‘? Das würde ja heißen dass das ganze ‚akzeptable‘ Notenspektrum (für einen Hengst der kein Monster oder Krücke ist) sich zwischen 8 und 10 abspielt? Eine 7 ist immerhin ‚ziemlich gut‘. Da nimmt man sich aber sehr viel Spielraum. Ist ja schade, diese Noteninflation.
    Im Turniersport habe ich immerhin das Gefühl, dass in den letzten Jahren die Notenskala etwas besser ausgenutzt wird und sich die Prüfung nicht nur zwischen 6,0 und 7,9 abspielt.
    Oder wolltet ihr damit sagen, dass der Hengst schon versucht haben muss den Bereiter zu fressen, wenn er mit so vielen 7er-Noten trotzdem nicht besteht?

    Schlussendlich vielen Dank für diesen tollen und informativen Adventskalender!

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