Türchen 9 – Exterieur

AK9

Alle Gebäude Galopp marsch!

In den vergangenen Tagen haben wir immer versucht, einige uns besonders bedeutend erscheinende Passagen Köhlers aus den Kapiteln herauszuziehen und mit eigener Interpretation zu belegen. Beim Exterieur ist es schwierig, im Prinzip hat er die essentiellen Dinge schon zusammen „gedampft“, so dass wir hier doch gerne den kompletten ersten Absatz bringen wollen. Der geneigte Leser mag sich heute also etwas Zeit nehmen 😉

Exterieur

Wer sich lang und intensiv mit der Pferdebeurteilung beschäftig, schließt natürlich eine Exterieur-Betrachtung nicht aus, lernt jedoch diese äußeren Formen als das zu sehen, was sie sind; Als Erscheinungen unter verschiedenen Möglichkeiten, als äußere Staffage mit mehr oder weniger ansprechenden Merkmalen, als äußere Hülle, die um ihrer selbst willen allein eben nur etwas Äußerliches aussagen kann und erst dann wertig wird, wenn das ,,Denkmal“ lebenserfüllt sich bewegt, einen Reiter trägt und dabei offenbart, inwieweit  Äußeres so oder so zur Geltung gelangt, in welcher Weise das Exterieur mit eigentlichen Reitqualitäten überhaupt harmonisiert.

So gesehen ist die Gebäudenote, gleichgültig, ob in einer Prüfung, Prämierung oder in privater Bewertung fixiert, immer dann eine Anmaßung mit hinrichtenden Folgen, wenn sie im voraus gegeben wird. Selbst ein ausgekochter Routinier kann angesichts blanken Exterieurs lediglich mutmaßen. Auch ihm bleiben Irrtümer nicht erspart, wollte er sich auf eine Gebäudenote verlassen. Er denkt auch gar nicht daran, dies zu tun. Seine Festlegung erfolgt erst dann, wenn er das Pferd ,,alles in allem“ wirklich kennengelernt hat. Denn erst dann kann er dessen Qualität ermitteln und ein fundiertes Urteil abgeben, eine gerechtfertigte Rangierung vornehmen.

Da steht nun an der Hand Pferd auf Pferd z einer ersten Inaugenscheinnahme vor der Auswahlkommission der Verdener Auktionen und zur Festellung der ,,Personalien“. Imponierende Denkmäler, weniger monumentale Individuen, grobe Typen, leichte ,,Katzen“ und ,,Krumme Hunde“. Aber dann kommen sie an der Hand auf den Ring zur Grobsortierung, wer weiter in Augenschein genommen werden soll. Und da erlebt man schon die ersten Überraschungen. ,,Denkmäler“ werden holzig, Super-korrekte werden hohl, unscheinbarer Steh-Pferde zeigen sich monumental, Derbe werden nobel und interessant, leichte Katzen gewinnen an Bedeutung, ,,Krumme Hunde“ zeigen vereinzelt wertvolle Konstruktionsmerkmale. Da wird man dann sehr vorsichtig in erster Selktion, denn im Freilauf beim Springen, der Präsentation unter dem Reiter, im reiterlichen Fremdtest und im abschließenden Vergleichsring an der Hand, das weiß man, sind nach beiden Richtungen weitere Überraschungen möglich.

Wie oft erscheint das Angebot nach erstem Augenschein interessant und besonders gut, und dann bleibt schließlich kaum etwas Begehrenswertes übrig. Umgekehrt, nach erstem Eindruck ,,nicht viel drin“, entpuppen sich dann mehrere Pferde als Eliten.

Auf dem Ring und im Freilauf unterscheiden sich die Manieren, das Sichgeben. Hier kommen schon wieder neue Gewichte auf die Waage. Patentes drückt Büffeliges, Selbstbewußtes Furchtsames oder Zickiges. Vom Springen dabei einmal ganz abgesehen. Mancher eckt überall an, fegt mitten durch die Kommission, rumpelt halb auf der Bande entlang, mancher anderer ist offenbar weit mehr, als er es schien. Dem steht man dann nachdenklich vis-à-vis.

Weitere Eindrücke bringt das Präsentieren unter dem Reiter. Erneut verschieben sich Wertvorstellungen. Manche bestätigen sich. Zusätzliche oder abändernde Erkenntnisse liefert das Testreiten durch die mitgeführten Bereiter. Da sitzt dann der eine, der andere ab mit mehr oder weniger gutem Gefühl nach dem, was er ,,vor sich“ hatte, was er von der Rückenarbeit verspürte, von der Anlehnung und Durchlässigkeit, von der Einwirkungsmöglichkeit mit dem Schenkel, von der Fixierbarkeit der Hinterhand, von Elastizität und Geschmeidigkeit….

Nach diesem Sehen, Beobachten und Fühlen werden die einzelnen Bilder schärfer. Aber auch erst jetzt.

Ärgerlich, wenn dann ein Tester mit allen Zeichen der Abwehr von einem Exterieur-Amor absitzt und der Kommission klar macht, daß das Gefühl auf dem eigentlich schon Gekürten schauerlich sei, der Rücken wie ein Brett, die Anlehnung zum Maul halbseiden und die Annäherung des Schenkels schier unmöglich.

Demjenigen, dem solches und ähnliches über lange Zeiträume fortlaufend widerfährt, lernt ganz zwangsläufig, den Begriff Exterieur sehr viel kleiner zu schreiben, als dies vielfach geschieht. Er setzt ihn nicht – wie auch in Lehrbüchern üblich – an den Anfang der Beurteilung, sonder an’s Ende, und dies nur zu dem Zweck, gravierende Korrektheitsabweichungen daraufhin auf’s Korn zu nehmen, ob sie in Abwägung zur Allgemeinqualität verzeihen werden können oder nicht.

Wenn sich dabei ein so erheblicher Mangel herausstellt, daß man ihn nicht vergeben kann, weil er sich sichtbar auswirkt oder mit größter Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zeit negativ auswirken wird, dann allerdings – und nur dann ist ein Materialfehler zu konstatieren, dessen Träger dann auch nicht mehr mit 1,0 oder 1,5 Notensenkung noch irgendwie in eine Reihung gebracht werden kann, sondern schlicht eliminiert werden sollte.

Wenn wir das jetzt auf unsere Pferde reflektieren, so sind Maravedi und BabyBelle die Paradebeispiele zweier Vertreter, die gerade im Freilaufen so unauffällig sind, dass es fast schon schmerzt beim zusehen…. Was bei Maravedi immer präsent ist, ist seine unglaubliche Elastizität, er ist einfach immer locker. BabyBelle hingegen… – eines allerdings ist sie nie: Hinten raus! Fast meint man aber, sie empfände die Aufgabe des Freilaufens auf dem Platz als unter ihrer Würde. – Ganz nebenbei, eine wirklich verzweifelnde Situation für den Fotografen. Kaum ist ein Sattel oben drauf, fußt sie fleißig unter den Körper, ist kuschelig zu sitzen und der Reiter schaut zufrieden auf einen tollen Hals vor sich. Und wir wissen, wenn der Reiter sie mit zunehmender Ausbildung fordern kann, so aus der Schulter heraus zu treten, wie wir es einige wenige Male auf der Weide sehen durften, dann, ja dann….. 😉