Türchen 22 – Warum es das Dressurpferd im Sinne der Zucht nicht gibt!

AK22Nicht mehr weit bis Weihnachten und es ist uns hoffentlich gelungen, eines DER Werke hippologischer Literatur portionsgerecht aufzubereiten und durch den Advent zu leiten. Möglicherweise geht es dem Leser unserer Türchen nach der Köhler-Lektüre ähnlich wie uns und er fühlt sich auch etwas mehr geerdet?

Nun ist es so, dass das Werk 1982 entstanden ist und es in der Zwischenzeit Entwicklungen gegeben hat, die Köhler mit Sicherheit nicht vorhersehen konnte und über die er sich vermutlich die Haare raufen würde. Wir sind sicher, dass alleine die irrsinnige HLP-Reform, die alle Blutpferde, alle Pferde aus dem Ausland und alle Nachkommen von Hengsten kleiner Populationen (-> wenig Nachkommen) benachteiligt, dazu führt, dass Köhler sich im Grabe rum dreht!

Bevor wir im heutigen Thema starten, wollen wir noch einmal zurück blättern, zum „Zusammenspiel der Kräfte“ und den Ansprüchen an die Pferde der verschiedenen Disziplinen.

Neben dem Anspruch, den Köhler an alle Reitpferde hat, nämlich dass sie eine gute Sattellage und einen guten Rücken mitbringen, ist das Dressurpferd das, an dessen Physiologie er keine besonderen Ansprüche stellt. Bedeutend im Rahmen, bei gutem Nevenkostüm und besonders reell in den drei Grundgangarten sollten sie sein – Augenmerk auf Schritt und Galopp!

Das Spring- und Vielseitigkeitspferd soll dazu Kraft, Schnelligkeit der Reflexe, Mut, Ausdauer und einen gehörigen Schuss Blut mitbringen! Nebensächlich ist bei diesen Kandidaten die Bedeutung des Rahmens….

Nun gibt es eine weitere Entwicklung der letzten 25 bis 30 Jahre, dass man die Spezialisierung auf Dressur- bzw. Springpferde propagiert hat. Und irgendwann auf diesem Weg ist die Trakehnerzucht stark in Richtung Dressur abgebogen – leider …

Aber was ist die Krux an der angeblichen Ausrichtung auf die Dressur?

Viel zu viele Züchter züchteten die letzten Jahre rein für den Fohlenverkauf. Aufzucht ist out. (Verständlich, wenn man sieht, dass kaum jemand bereit ist für eine gute Aufzucht auch entsprechend zu entlohnen, aber dies ist ein anders Thema). Und so war es ganz schlicht der schnöde Mammon, der dazu führte, dass man Bewegungspferde züchtete. Ganz bewusst, schreiben wir hier nicht „Dressur“ sondern „Bewegung“. Denn genau betrachtet, schweben sie häufig nur im Trabe! Im jungen Alter von wenigen Wochen, noch schön kurz im Mittelstück, wenig Gewicht mitbringend bewegen sie sich spektakulär! Und doch zeigen die Sprungelenke nicht selten schon in der Winkelung nach „hinten raus“, Aufrichtung hergestellt durch den aufgekröpten Hals und den nach unten weg gedrückten Rücken. Läuft hier tatsächlich der künftige Dressurweltmeister? Oder ist es mehr der „Kikerikih“ aus Köhlers Kapitel zu den geistigen Werten (Türchen 2).

Es ist, wie es ist: Fohlen, die sich „praktisch“ bewegen und von strafferer Konstitution sind, zaubern keine „Oooohs“ und „Aaahs“, öffnen nicht den Geldbeutel der Käufer.

Die Krux ist aber, dass Dressur eben doch nicht gleichbedeutend mit Trab ist! Dressur braucht spätestens ab den versammelnden Lektionen, einen starken Rücken, Kraft in der Hinterhand und ein schnelles Hinterbein, welches trägt und weit unter den Schwerpunkt fußt! Der kundige Leser wird nun schon grinsen, denn klar, hier nun lesen wir die Beschreibung, die den Anforderungen an ein Springpferd entspricht!

Zeigen die Elterntiere – Hengst ebenso wie Stute – ein weit unterdurchschnittliches Springen, so sagt es mehr über das Pferd, als dass es aus Ermangelung an anderen Möglichkeiten eben ein „Dressurpferd“ werden muss. Das bei Zuchtpferden angewandte Freispringen zeigt viel! Nutzt das Pferd seinen Körper? Ist es beweglich? Wie löst es Aufgabenstellungen? Wie ist seine Arbeitseinstellung? Wie sind seine Reflexe? – Kurz, die gesamte sportliche Veranlagung eines Pferdes kann am besten am Sprungablauf festgemacht werden!! Ob dies letztlich sein Sport wird, steht auf einem ganz anderen Blatt. Ist eine Frage der Ausbildung und sicher später auch des Geistes und des Drüber-Wollens.

Und so geschieht es auch, dass die im Sport erfolgreich sind, deren Zucht auf Springgenetik basiert! Ein Blick in den großen Sport genügt – Springpedigrees auch bei den (meisten) Dressurspitzen.

Als aktuelles Beispiel möchten wir hier Valegro anführen – den aktuellen Weltrekordhalter (93,975 Prozent in der Weltcup-Kür). Linienzucht auf Farn, einen schweren Holsteiner-Springvererber, und auf Furioso xx, jenen großartigen französischen Vollblüter und Linienbegründer, unter anderem Vater des Furioso II, der in Deutschland manchem Springpedigree seinen Stempel aufdrücken konnte – man denke nur an For Pleasure. Ganz nebenbei bemerkt ist Valegro kein Vertreter der hochbeinigen-Schmalbrust-Fraktion und das, obwohl er mit 172 cm sicher nicht als „klein“ zu bezeichnen ist. Und auch, wenn er nicht als Blutpferd rüberkommt, mit fast 40% Spezialblutanteil ist Valegro sicher nicht als blutleer zu bezeichnen.

Das Springpferd besitzt Kraft, hat die Fähigkeit seinen Körper zu nutzen / zu koordinieren, ist mutig und hat einen starken Rücken. All diese Eigenschaften braucht auch ein gutes Dressurpferd. Das aktuelle Trakehner-Aushängeschlild im Dressursport, der Hengst Axis von Sixtus war bester Springhengst seiner Körung. An dieser Stelle erinnern wir uns an Türchen 5 – Es ist eben jener Elitehengst Sixtus, der seit Jahren die Sportpferdelisten dominiert und selbst hocherfolgreich in Springen der schweren Klasse war. Auch der populäre Halbtrakehner Totilas basiert auf einem „springenden Mutterstamm“.

Das Dressurpferd ist – vor allem in seiner Spektakulärität – ein Produkt reiterlicher Ausbildung!

Wenn also nach wie vor die Springgenetik auch das große Viereck dominiert, so ist zu konstatieren, dass das Prinzip der Zucht-Spezialisierung im Bereich der Dressur nicht funktioniert! Denn der starke Rücken und der dynamische kräftige Motor lassen sich in Spezialisierung auf die Dressur nicht verbessern. Dr. Christmann (Hannoveraner Verband) schrieb in einem Artikel zu diesem Thema von dem „Eindruck, dass durch die Aneinanderreihung von deutlich einseitig veranlagten Dressurhengsten Athletik verloren geht“.

Der Klosterhof Medingen / B. Wahler versendete vor einigen Jahren einen Weihnachtsbrief an seine Züchter:

„Der Motor sitzt hinten!“ – „Vor ca. 20 Jahren wurde die Spezialisierung der Zucht auf Dressur oder Springen propagiert und in den folgenden Jahren in die Tat umgesetzt. In der Springpferdezucht konnten große Fortschritte gemacht werden, da die Selektion auf ein einziges Merkmal -nämlich Springen- eine wesentlich höhere Heritabilität hat, als die Selektion in der Dressur mit vielen verschiedenen Merkmalen. Die Dressurpferdezucht hingegen leidet unter dem Verzicht auf Anpaarungen mit dem kraftvollen, leistungsgeprägten Springblut und konnte sich nicht entsprechend weiterentwickeln. Wir haben heute bei den Dressurpferden häufig das Problem eines matten Rückens und eines schleppenden, kraftlosen Hinterbeines. Vorne hui – hinten pfui.“

Ende September wurde, wie jedes Jahr, die FEI WBFSH World Ranking List veröffentlicht. Die reine Springpferdezucht Holstein rangiert in der Dressur auf 7, im Springen auf 4 und der der VS auf 5. Durchweg gut unter den Top Ten und beständig platziert – in allen Disziplinen!! Sport auf Basis von Springgenetik heißt das Erfolgsmodell, bei dem das Dressurpferd einfach mit abfällt.

→ Das Dressurpferd ist ein Abfallprodukt der Springpferdezucht!

Ein altes Züchtersprichwort sagt, dass aus einem guten Stutenstamm sowohl gute Springpferde als auch gute Dressurpferde fallen. Da das Springen, sobald es erst einmal „vernichtet“ ist, unwiederbringlich verloren ist, kann ein Dressurpferd niemals ein Springpferd machen.

Das lässt den Rückschluss zu, dass ein reiner Springblutanteil in der Population dringend von Nöten ist. Zudem haben uns die letzten zwei Jahrzehnte gelehrt, dass die reine Dressurpferdezucht mit ihren vielen verschiedenen und genetisch kaum greifbaren Merkmalen in eine Sackgasse führt. Wir erzielen keinen Fortschritt mehr, im Gegenteil das Dressurpferd verliert an Kraft und Dynamik. Ergo können wir nicht einmal mehr erhalten, was so dringend gebraucht wird: Die Athletik und Kraft im Sinne der allgemeinen Sportlichkeit.

Viele Verbände haben ein gezieltes Springpferdeprogramm – nicht zuletzt auch deshalb, um die Dressurpferdezucht daraus befruchten zu können. Ein eigener, unverwässerter Pool reiner Springgene ist zwingend notwendig. Was für eine Aufgabe in unserer kleinen Population!!!

Wir sind ein Teil dieser Aufgabe und wir nehmen diese an: Die Protagonisten unserer Zucht verkörpern reine Springgenetik und diese gerne auch blutgeprägt!