Türchen 17 – Züchterische Aufbereitung durch Vollblut

AK17

Blut ist der Saft, der Wunder schafft…(Inschrift Hauptbeschälerstall des Friedrich Wilhelm Gestüts zu Neustadt a. d. Dosse)

Auf 14 Seiten behandelt Köhler die Veredelungsrassen, wir wollen versuchen, hier einen möglichst kurzen Abriss darüber zu geben.

Alle für den Reit- und Leistungsgebrauch gezogenen Warmblutrassen sind ohne kontinurierliche Zufuhr von Vollblut oder Trakehner Veredelungselemente nicht in der Lage, Adel, Härte und Reitpoints zu bewahren.
Diese Tatsche bestätigt sich seit 250 Jahren, als große Zuchten entstanden, wie die ostpreußische oder die hannoversche, und zu starker Spezialblutverwendung waren besonders jene Zuchten gezwungen, die sich seit etwa 1960 auf die ausschließliche Produktion von Reitpferden konzentrieren mußten, ohne hierfür in den Jahrzehnten zuvor schon vorgearbeitet zu haben.
Wenn auch das arabische Blut die ursprüngliche Quelle für eine Veredelung aller Landrassen war, so ist doch das daraus hergeleitete englische Vollblut zur eigentlichen züchterischen Veredelungsessenz geworden. Trotzdem ist das arabische Blut nicht ungenutzt geblieben. Es wird auch zukünftig immer mal wieder zu Rate gezogen werden müssen.
Die Trakehner Zucht hat sich verhältnismäßig am kontinuierlichsten seiner bedient, bevorzugt dadurch, daß dieses Blut in einem großen Hauptgestüt gefiltert und verarbeitet werden konnte, bevor es der Landespferdezucht zugeführt wurde.

Köhler geht auf den Araber insofern ein, als dass er einige herausragende Exemplare benennt, die große Anerkennung erfuhren. Er stellt so z.B. den berühmten Turmain Atti heraus, weil er überwiegend das mitgab, was man sich vom Araber wünscht – Typ, Härte und Menschenbezogenheit – und kaum das, was man sich nicht wünscht.

Er erläutert auch das Problem, vor dem die Verantwortlichen der großen Pferdezuchten im letzten Jahrhundert standen, nämlich, der Forderung des Marktes nach Größe und Substanz nachkommen zu müssen, ohne dabei die verlangte Härte zu verlieren.

Am Beispiel von Hannover zeigt er den Einsatz des arabischen Blutes auf – wobei er hier den Angloaraber mit einbezieht – und kommt zu dem Schluss, dass es so ganz ohne Araber eben nicht geht.

Ein Blick ins Hauptgestüt Trakehnen zeigt, dass hier viel arabisches Blut mit von der Partie war, als ein Beispiel mit fast 18% ox wird Flügel (dabei auch gut 64% xx) genannt der als gravierender Inzuchtfaktor beim „Typgraveur“ Dampfross zu finden ist. Man ging „orientalisch“ ins 20. Jahundert in Trakehnen. Nana Sahib x, später sein Enkelsohn Cancara (v. Master Magpie xx), Fetysz ox, Adamas ox  und Lowelas ox wirkten als Haupt- oder Landbeschäler. Arabische Stuten waren ein großer Bestandteil der gemischten Herde in Bajohrgallen. Der Trakehner des frühen 20. Jahrhunderts war nahezu ein angloarabisches Pferd!

Das englische Vollblut, landweise, mittlerweile auch als deutsches, französisches oder italienisches Vollblut bezeichnet, hat nicht nur rennsportlich die Welt erobert, sondern auch in warmblutzüchterischer Hinsicht. Dem Vollblut ist in den wenigen Jahrhunderten, da es besteht, außerhalb seiner Reinzucht wechselweise immer wieder mit ,,Halleluja‘‘ und ,,Steiniget‘‘ begegnet worden.
Sein lebensnotwendiges Einfließen in mehr haustierische Zuchten ist nie gleichmäßiger rezeptiert vor sich gegangen, sondern überwiegend in Extremen. Zweifellos hat das Vollblut in übermäßiger und wahlloser Benutzung zeitweise erheblichen Schaden angerichtet, wie besonders in Mecklenburg oder auch – in weit geringerem Maße – in Trakehnen und der ostpreußischen Landespferdezucht. Seither ist man vorsichtig geworden, übervorsichtig zumeist. […]
Es ist also soweit, daß auf dem eh schon vorsichtigen Motto ,,Vollblut nur tropfenweise‘‘ kaum noch ein müdes Tröpflein geworden ist.
Diesen Zustand werden die Zuchten zwar eine zeitlang überstehen. Dann aber wird es wieder deutlich werden, daß eine sichtbare ,,Blutarmut‘‘ nachteilige Auswirkungen zeitigt und Rückschritte ankündigt.

Wir erinnern uns, das Buch stammt von 1982, wir zählen aktuell das Jahr 2013 und müssen feststellen: Hans Joachim Köhler hatte Recht! Eine Lanze jedoch bricht er für uns Züchter:

An diesem derzeitigen Zustand haben die Züchter die wenigste Schuld, so sehr man sie auch beschuldigt, das ,,Kind mit dem Bade‘‘ ausgeschüttet zu haben. Was sollen die Züchter anderes tun, als Blutenthaltsamkeit zu üben, wenn zuchtdirigierende Experten bei Hengstankäufen, Stutenschauen und anderen Gelegenheiten dauernd auf die Nachteile des Vollbluts verweisen und dementsprechend kören und prämiieren […]

Es geht laut Köhler nicht ohne Blut, wenn man weiß,

„daß die Scholle schnell wieder vergröbert, daß das Urblut nicht versiegt ist, sondern weiterlebt, wenn auch mehr aus dem Hintergrund wirkend, daß also das Rezept der Väter und Urgroßväter, nur tropfenweise mit Edelblut zu arbeiten, dadurch überholt ist, daß die Tropfen heute schon recht ergiebig sein müssen, wenn das Leistungsniveau gehalten werden soll.“

Und auch mit dem Selektionskriterum „GAG“ ist Köhler nicht wirklich glücklich – begründet!

Der Mensch kommt gelegentlich auf Gedanken, die nachher bei Licht besehen ihre anfängliche Überzeugungskraft zweifelhaft werden lassen. Als die GAG-Marke bei Vollbluthengsten für die Landespferdezuchten gesetzmäßig eingeführt wurde, hörte man viel Hurra-Geschrei: ,,Das ist Spitze. Härte und Leistung über alles!‘‘ Und doch hatte der Deutsche hier mal wieder übers Ziel hinausgeschossen. Die so schon geringe Auswahl an geeigneten Hengsten wurde zusätzlich eingeengt. Das eigentliche Kriterium, Nerven und Temperament dagegen, auch langjährige Leistungstreue und Haltbarkeit, verblaßten im Schatten des GAG. Als ob die vollblutverwendenden Zuchten nicht von sich aus schon auch auf Härte achten würden!

An vielen Beispielen zeigt Köhler auf, dass es eben viele zuchterfolgreiche Vollblüter gab, die niemals oder wenn, dann nur mit sehr wenig Erfolg gekrönt, eine Rennbahn gesehen haben, Mickle Fell xx (Vater des Thunderclap xx – Begründer der weltberühmten Trakehner Fuchsherde), Perfectionist xx, Sahama xx, Snyders xx und Paradox xx seien hier nur stellvertretend genannt.

Köhler fordert, Vollblüter gezielt auf innere Gelassenheit und ein gesundes Phlegma à la „erst-kommen-wenn-dazu-aufgefordert“ auszuwählen. Rennleistung sieht er nur dahingehend interessant an, wenn ein Hengst mehrere Jahre hindurch treu, nervenstark und kopfklar gekämpft hat und womöglich dabei auch auf den Beinen gesund blieb. Klar ausgezeichnet mit Reitpferdepoints, um immer auch ähnliches mit ähnlichem paaren zu können.

Zum Schluss des Kapitel kommend stellt Köhler fest, dass es sich bei der oft missverständlich verstandenen Veredelung bei weitem nicht nur um Schönheitschirurgie handelt, sondern alles umfasst, was das edle Blut zu bringen in der Lage ist:

So beispielsweise die Prägung von Schulter und Sattelage, jenen so entscheidend wichtigen Reitpoints, die sich ohne Veredelung ganz schnell wieder verziehen. Es geht auch um Reithalsungen, um Elastizität und Geschmeidigkeit, um Draht und Härte, nicht zuletzt um mehr Geist. Grobes, ungeschicktes, Schwerfälliges soll zurückgehalten werden. Hierbei das richtige Maß zu finden, ist nicht einfach. Man sprach dies früher so aus: ,,Zu edel, zu fein – zu wenig Blut: zu grob und gemein.‘‘

Heute wissen wir, daß es durchaus möglich ist, Edelblut zu finden, das nicht so sehr Gefahr läuft, die Nachzuchten generell zu klein und zu fein werden zu lassen. Schließlich hat beispielsweise sogar ein Vollblutgestüt wie Schlenderhan bewiesen, daß selbst Vollblut in sich in der Lage ist, Rahmen, Größe und Kaliber zu wahren.

Wir haben bislang drei mal mit Blut hantiert. Das erste blutgeprägte Produkt war Beau Cadeau vom Finley M, einem Halbblüter aus der Fora xx, der über 70% Edelblut mit brachte. Es war ein gelungener Kerl, der BabyBeau, der leider viel zu früh aufgrund einer Knie-Fraktur, die er sich in der Aufzucht zuzog, über die Regenbogenbrücke ging. Er war in jedem Falle groß!

Zudem lernten wir daraus: Belle kann Blut vertragen!  Und wir trauten uns an einen Angloaraber: Icare d’Olympe AA. Ergebnis: Belle Française – ein Spitzenfohlen! Wir hoffen, dass sie sich so weiterentwickelt und die Qualität auch als erwachsene Stute bestätigt! Sie maß mit sechs Monaten 144 cm – Nicht klein, oder?

Ein weiteres Anglo-Araber-Produkt ist Masurenfee, die in 2014 drei Jahre zählt und die geplante Partnerin für Waitaki ist. Und es sei uns hier bitte verziehen: Was für ein geiles Gerät!! 🙂 Das „Gerät“ ist nun zweieinhalbjährig 164 cm groß. Zudem aus der spätreifen M-Familie stammend, das Zigeunermaß gibt 169 cm aus. Auch das ist definitiv nicht zu klein!

Resümierend können wir sagen, dass unser Mut zum Blut bislang belohnt wurde! Ob er die viel gepriesenen Wunder schafft, wissen wir dann in ein paar Jahren 😉