Türchen 11 – Zusammenspiel der Kräfte

AK11

Harmonisch abgestimmt aufeinander überspielen geistige und körperliche Kräfte die gewaltige Macht der Kraft – in leichter Beschwingtheit.

Es gibt vermutlich mehr Menschen, die systematisch die Fußfolge des Pferdes in den einzelnen Gangarten theoretisch erlernen, als solche, die dieses Zusammenspiel der Kräfte richtig erfühlen können und alle optischen Eindrücke zweckmäßig in die Praxis zu übertragen vermögen.

Wenn auch bestimmte Gesichtspunkte dieses Themas in anderen Kapiteln angesprochen werden (beispielsweise: Conformation), so bleibt es doch notwendig, das Zusammenspiel der Kräfte hier gesondert und vertieft zu behandeln. Weil ja das Pferd ein Bewegungstier ist, wobei immer noch die Neigung überwiegt, dem Gebäude größere Aufmerksamkeit zu schenken, als dem Ablauf der Bewegungen, ihrer Auslösung, ihrer Automatisierbarkeit und ihrer ,,Schaltbarkeit‘‘.

In diesem Kapitel bringt Köhler den Begriff des Bewegungsablaufes ins Spiel, erläutert seine Entstehungsgeschichte – wann hat man überhaupt angefangen den Ablauf zu beurteilen – und prangert mit Bezug auf E. Glahns „Reitkunst am Scheideweg“ von 1956 die Pferde an, die sich in der Dressur „zu einseitig mit den Beinen bewegten“. … Erschreckend, dass wir gut 60 Jahre nach Glahn wieder über Schenkelgänger diskutieren und diese sich sogar olympischer Medaillen rühmen können. Aber „Reitsport quo vadis“ soll ja hier nicht Thema sein…

Der Bewegungsablauf umfasst laut Köhler die auslösenden und weiterentwickelnden geistigen Impulse, das Engagement der Hinterhand in Schub und Tragkraft, den Bewegungsvorlauf über den Rücken unter Einbeziehung der Vorderbeine, die Formierung der Körperhaltung und das Ausloten der Balance.

Hierfür nennt er die richtige Schwerpunktlage  – also die passenden Proportionen der Körperpartien – , die Form und Zuordnung der Dornfortsätze, die Geschmeidigkeit und Elastizität, die Zweckmäßigkeit der Hebelwinkel, die Muskulaturbeschaffenheit, die Funktionsfähigkeit der Gelenke und die Straffheit der Sehnen und Bänder als Voraussetzungen.

Priorität im Bewegungsablauf gibt Köhler – wen sollte es an dieser Stelle noch wundern und wie könnte es auch anders sein – dem angenehmen Gefühl im Sattel.

Dies bedeutet, daß Elastikwerte, Symptome der Geschlossenheit und Geregeltheit sowie Automationsbegriffe im Vordergrund zu stehen haben. Denn hier will Jedermann das Glück dieser Erde genießen. Spezialvorzüge spielen eine untergeordnete Rolle, und auch eine nur rationelle Raumgriff-Mechanik erfüllt durchaus ihren Zweck, wenn nicht Eitelkeitsgründe Aufwendigeres bevorzugen.

Gerade Letzteres lädt doch im Jahr 2013 zum Schmunzeln ein, oder? 😉 Aber zurück zum Thema, das Pferd soll also ohne viel wenn und aber in allen drei Grundgangarten einen ordentlichen Job machen. Die Grundgangarten sollen narrensicher konstant bleiben, für Jedermann bedienbar sein und alles soll über einen tragfähigen, schwingenden Rücken transportiert werden. – Es geht um ein möglichst gutes Zusammenspiel der Kräfte. Die Zucht ist aufgefordert eben diese Pferde in breiter Masse hervorzubringen.

An dieser Stelle ,und das steht auch so im Buch erwähnt, schreit die Züchterschaft gerne „Ja, aber die schlechten Reiter..“. Sicher, die gibt es. Viele. Um so wichtiger, dass unsere Zuchtprodukte von einer Qualität sind, die es auch diesen Reitern ermöglicht, mit ihnen zu wachsen und besser zu werden. Pferde, die ein Spezialmanagement brauchen, haben leider nur geringe Chancen, dieses auch irgendwann anzutreffen….

Weder ein Standardreiter noch ein Spitzensportler denkt daran, sich irgendwelchen jahrelangen oder lebenslänglichen Geduldspielen hinzugeben, deren zeitweilige Erfolge im entscheidenden Augenblick dann meist doch nichts anderes offenbaren, als daß der Schein getrogen hatte. Wohlgemerkt: Hier wird nicht von üblichen „Kinderkrankeiten“ der Anlehnung und Durchlässigkeit gesprochen, sondern von gravierenden Veranlagungen, denen nicht selten Sturheit oder Heftigkeit noch zu Seite stehen, vielfach ererbt dies alles von Vätern oder/und Müttern mit „ausgezeichnetem Fundament und von großer Korrektheit“. Das Zusammenspiel der Kräfte, sagen wir es kurz und schmerzhaft, ist also ein zu weites Feld, als daß wir es nur auf das Pferd unmittelbar abstellen können. Wir müssen dieses Feld auf die Produktion erweitern. Denn sie ist – allerorten – noch nicht soweit, auf breiter Basis der Standardreiterei jene Art von reiterlicher Glückseligkeit zu bringen, die diese sich wünscht und mit der Zeit erwarten kann. Dazu allerdings müßte man den zopflangen Graubegriff der „Korrektheit“ doch wohl mal ziemlich radikal der Schere überlassen.

An der Stelle wollen wir noch eine persönliche Wertung hinzufügen. In Punkto Rittigkeit und Leitungsbereitschaft können die Sätze von Herrn Köhler wohl auch heute noch gelten. Was viele Reiter anbelangt, so möchten wir an dieser Stelle aber auch feststellen, dass die Ausbildung und auch die Beratung derselben in Deutschland mittlerweile so schlecht geworden ist, dass sie verlernt haben zu fühlen und häufig auch weit davon entfernt sind, das für sich passende Pferd auszusuchen. Früher gab es Pferdemenschen, heute gibt es Menschen mit Pferden. Leider.

Die zu Beginn des Textes beschriebenen Eitelkeiten bestimmen heute oft den Markt. Selbsternannte Pferde-Flüster-Gurus sprießen wie Pilze aus dem Boden. Die Osteopathen und Chiropraktiker haben Hochkonjunktur.

Der Kaufinteressent „lernt“ bei gewichtigen Gesprächen an der Theke im Reiterstübchen, dass auch gute Pferde heute nix mehr kosten (Anmerkung: Klar, wir Züchter sind alle behämmert oder haben eine ausgeprägte Aversion gegen den Euro…)  Zum Ergebnis all dieser „Beratung“ gibt es einen dummen Spruch, der es widerspiegelt: „Haben wollen sie ’ne 10, reiten können sie ’ne 5 und bezahlen wollen sie ’ne 3.“ – Wären die sogenannten mitreisenden Berater ganz uneigennützig immer daran interessiert, ihren Kunden das passende Pferd zu suchen, gäbe es weit mehr Glückseligkeit im und auch unter dem Sattel! Und vielleicht wäre der Kunde mit einer soliden 7, die er nicht nur reiten kann sondern auch gerne bezahlt hat, auf lange Sicht einfach besser dran. In diesem Punkt müssen beide Seiten funktionieren: Die Zucht und die Reiterei!