Türchen 10 – Konstruktionsmerkmale

AK10

Wer der Erkenntnis folgt, daß das ,,Gebäude‘‘ sinngemäß in erster Linie formale Umrisse aufzeigt und somit vorwiegend durch starre äußere Begrenzungen gekennzeichnet wird, ist logischerweise gehalten, in diesem Bild lediglich Anhaltspunkte zu sehen. Denn im Gegensatz zu einem Gebäude ist ja das Pferd beweglich und bewegungsfähig, also abhängig in erster Linie von konstruktionellen Werten, die in unterschiedlicher Qualität einen Reit-und Leistungsgebrauch ermöglichen.

Köhler beginnt mir der Sattellage und erhebt diese direkt zu Beginn in eine herausragende Position. Die logische Erklärung folgt auf dem Fuße: Kann der Sattel nicht liegen und der Reiter somit bequem sowie zweckmäßig sitzen, ist für ihn das ganze Pferd als Reitpferd wertlos – ungeachtet möglicher anderer Vorzüge in Gebäude und Material. Die reell konstruierte Sattellage bedingt eine Schulter in ausreichernder Schräglage und einen weit in den Rücken auslaufenden Widerrist. Dies setzt den Reiter so in den Schwerpunkt, dass er das Pferd vor sich hat und die Schenkel in passender Lage zum Treiben kommen können. Der Rücken soll der vorteilhaften Sattellage dienen, das Reitergewicht mühelos tragen können und den von hinten gebrachten Schub schwingend durch lassen.

Gerade im Bereich des Rückens sieht Köhler die reine Exterieurbeurteilung wieder sehr kritisch, denn ob der jeweilige Rücken die drei zuvor geforderten Punkte leisten kann, kann anhand des Gebäudes lediglich gemutmaßt werden. Den Rücken muss man arbeiten sehen, eine reine Beurteilung nach der im Bilderbuch beschriebener Schwarz-Weiß-Malerei bezeichnet er als fahrlässig!

Ja, wenn das so einfach wäre. Aber so simpel ist die Natur nicht. Erfreulicherweise. Leider ist aber der Simplizissimus unter den Pferdebeurteilern noch zu sehr verbreitet: „Ein herrliches Pferd haben Sie da, es ist der Sieger!“ und der Reiter denkt hinter goldener Schleife, „wenn Ihr wüßtet, daß dieser formvollendete sich kaum aussitzen läßt!“

Auch bei der Hinterhand ankommend, räumt Köhler auch mit Ideal-Form und -Stellung auf. Es gibt laut ihm lediglich eine Ideal-Konformität, die alleinig im Arbeitsvorgang bewertet werden kann. Der eigentliche Motor des Pferdes liegt unter der Kruppenhaube, dort wo die gewaltigsten Muskelpakete des Körpers, mit Hilfe der verbundenen Sehnen und Bänder, Gelenke und Knochen in Bewegung setzen. Da dieser Motor nicht offen sichtbar ist, konzentriert man sich auf die darunterliegenden Extremitäten und moniert werden dann üblicherweise zu gerade oder zu gewinkelte Hinterbeine, zu kurze / lange / steile / flache Kruppen, zu weite / enge Stellung, angedrückte Sprunggelenke und vieles mehr. Und das alles vor dem Hintergrund, dass eine Unmenge Pferde zeigen, dass es eben nicht ganz so einfach ist…

Das gerade Hinterbein ist natürlich kein grundsätzlicher Fehler. Das beweisen alleine viele Vollblüter in der Rennleistung. Offenbar kompensiert diese verhältnismäßig geringe Winkelung im Sprunggelenk die Geschwindigkeit durch unmittelbares Repetieren der hinteren Extremitäten. Andere Winkel, wie Knie – Sitzbein – Hüftgelenk ermöglichen ein besonders tiefes und weites Unterspringen…

Die einzig kritische Stelle sieht Köhler in der Ausprägung der Gelenkgrößen, die bei breitflächiger Lagerfläche den Sehnen und Bändern die Haltbarkeit erleichtern. Den wirklich ausschlaggebenden Faktor für die Haltbarkeit sieht Köhler allerdings in der Faserstruktur des Gewebes!

Die Faserqualität der Sehen und Bänder entscheidet. Und so nützen große Gelenke gar nicht, wenn die Struktur der Sehnen und Bänder nicht straff genug, nicht genügend strapazierfähig ist…. deckt sich mit der Tatsache, dass man „schlechte Sprunggelenke“ gerade bei jener Rasse in Kauf nimmt, die zur allgemeinen Erhärtung und zur Verbesserung von Points und Leistungsfähigkeit in allen Warmblutrassen eingesetzt wird, dem Vollblut.

Die Vorderbeine werden in diesem Kapitel nur insofern erwähnt, als dass ihnen eine motorische Kraft nicht zukommt und sie nur den Schub nach vorne heraus lassen. Der Anspruch an Sehnen, Bänder und Gelenke unterscheidet sich nicht von denen der Hinterhand.

Natürlich ruft Köhler nicht dazu auf, Krummbeiner zu züchten oder wirkliche Fehler zu verniedlichen! Alles hat seine Grenzen – er sieht sie an Zweckmäßigkeit , Harmonie und Ästhetik gekoppelt. Es geht also primär darum, Fehler in die Gesamtqualität des Individuums einzuordnen!

Abschließend noch ein Zitat, welches uns – vor allem vor dem Hintergrund der Spring-Sport-Erfolge unserer „M-Sippe“ breit grinsen lässt, denn gerade diesen darin beschriebenen „Fehler“ bringen sie alle mit ihren leicht angedrückten Sprunggelenken mit:

Warum ein hinten eng stehendes und gehendes Pferd (angedrückte Sprunggelenke) fehlerhaft sein soll, sollten doch jede, die dies konstatieren, erstmal begründen. Sie könnten ja auch dem lieben Gott bescheinigen, daß er beispielsweise Hirsch und Reh hinten ganz falsch konstruiert habe in ihrer x-Beinigkeit. Sie könnten nur eines nicht: Zu dieser Behauptung den Nachweis erbringen, daß sich dadurch die Schnellkraft verringern würde.

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