Die Trakehner und die Flüchtlinge…..

Wir haben lange darüber diskutiert, ob dies auf unsere Homepage gehört, denn es soll hier ja um Pferde gehen und nicht um Politik. Letztlich war es mir aber eine Herzenssache dies zu schreiben

Wir züchten Trakehner. Und jeder, der das tut, der hütet auch ein kleines Bisschen Geschichte in seinem Stall. Dass wir heute diese wunderbaren Pferde züchten können, ist unter anderem den Menschen aus Ostpreußen zu verdanken, die vor 70 Jahren mit ihnen flohen. Pferdewagentrecks, die sich auf allen möglichen Wegen gen Westen bewegten, die legendäre Flucht über das gefrorene Haff, alles das ist ein Stück kollektiver Erinnerung. Die Leistung dieser Treck-Pferde, die den Weg in den Westen schafften, erfüllt uns Trakehner-Menschen – egal ob Züchter oder Reiter – noch heute mit Stolz.

Viele abertausende der wundervollen Pferde blieben damals aber auf der Strecke, starben gemeinsam mit ihren Menschen. Erfroren, verhungert, von russischen Panzern überrollt. Kaum einer kann heute die zeitgenössischen Berichte lesen, ohne schwer schlucken zu müssen – So unvorstellbar ist die Not, die dort beschrieben wird. So weit weg und doch noch so nah…

Zu den schlimmsten Verbrechen im Zweiten Weltkrieg gehörten unter anderem die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen durch sowjetische Soldaten. Weder Kinder noch Greisinnen blieben verschont. Rund zwei Millionen Mädchen und Frauen wurden zu Opfern dieser Gräueltaten. Die ostpreußischen Flüchtlinge haben auch diese Gräuel erleben müssen…Heute wird yezidischen und christlichen Mädchen / Frauen unvorstellbares durch den IS angetan…..

Nach 1944 befanden sich zwischen 12 und 14 Millionen Deutsche und Deutschstämmige auf der Flucht. Deutschland, aufgeteilt in Besatzungszonen der Siegermächte (England, Frankreich, Sowjetunion, USA) musste riesige Flüchtlingsströme aufnehmen und versorgen. Die Menschen flohen! Nicht nur aus dem Osten, sondern auch aus den zerstörten Städten. Die Verwaltungen lagen am Boden, Hunger und Krankheit bestimmten den Alltag. Fast alle der Flüchtlinge / Evakuierten waren stark traumatisiert, sie hatten geliebte Menschen verloren, Gewalt am eigenen Leib erfahren – jahrelang in Angst gelebt. Man muss nicht darüber sprechen, dass auch damals die Flüchtlinge im Chaos des Kriegsendes nicht mit offenen Armen empfangen worden sind. Die eigene Not der ursprünglichen Anwohner war ebenfalls groß und plötzlich musste die Region noch mehr Mäuler stopfen. Die prozentualen Anteile der Flüchtlinge gemessen an der Wohnbevölkerung machten teilweise große Zahlen aus. Beispielhaft hier Mecklenburg-Vorpommern mit 45 %, Niedersachsen mit 27 % und Schleswig-Holstein mit 33 %.

„Unsere“ Trakehner kamen in großer Zahl mit ihren Menschen nach Norddeutschland….. und waren ebenso nicht willkommen: Pferde gab es zuviel, Futter zu wenig. Die Stuten aus Ostpreußen verdienten nach den Strapazen der Flucht ihr Futter auf jede erdenkliche Weise auf den Feldern und in Fuhrunternehmen – und viele gingen zum Schlachthof. Rund 25.000 Stuten waren vor dem Krieg von der Ostpreußischen Stutbuchgesellschaft registriert – mit wenig mehr als 500 Stuten wurde der Verband der Züchter und Freunde des Ostpreußischen Pferdes Trakehner Abstammung e.V. im Oktober 1947 neu gegründet. Dies hätte ohne Hilfe, gegenseitiges Verständnis, gemeinsame Arbeit und Kompromisse niemals geschehen können. In einem zerstörten Land, inmitten von Chaos und Hunger hat es Menschen gegeben, die sich der Flüchtlingen annahmen, ihnen eine Chance gaben, ihnen Unterstützung gewährten!

Damals gab es Not in der Bevölkerung, heute sprechen wir davon, ggfs. die eine oder andere unserer Komfortzonen verlassen zu müssen…Und klar, Deutsch sind sie sind nicht, diese Flüchtlinge von heute. Sie sprechen eine andere Sprache und kommen aus einem anderen Land. Haben eine andere Hautfarbe. Haben völlig andere kulturelle Hintergründe. Mit den Flüchtlingen vor 70 Jahren haben sie lediglich gemein, dass sie ihre Familien lieben, dass sie aus dem Krieg kommen, dass sie verzweifelt sind und vor allem dass sie Menschen sind!

Ich finde, uns „Trakehnern“ steht eine ablehnende Haltung Flüchtlingen gegenüber nicht zu Gesicht!! Wem, wenn nicht uns, sollte das Schicksal der Ostpreußen noch heute bewusst sein. Der prozentuale Anteil der Flüchtlings- gemessen an der Bevölkerungs-Zahl ist lange nicht vergleichbar mit der Nachkriegszeit. Er ist im direkten Vergleich sogar lächerlich gering! Im Rhein-Sieg-Kreis beispielsweise leben knapp 600.000 Menschen. Im Juni 2015 waren im selben Kreis 1400 Flüchtlinge verzeichnet. Selbst bei Verdreifachung Ihrer Zahl bis zum Jahresende, also 4200 Menschen, wäre es noch immer <1%.

Das ist machbar und es braucht keine Hasstiraden, wenn die Schul-Mensa zeitweise zur Versorgung von Flüchtlingen benutzt wird und die Kinder doch tatsächlich einmal ein Brot mit in die Schule nehmen müssen! So bin ich über 13 Jahre Schule gekommen und ich bin nicht verhungert! Erstaunlicherweise kommen mit diesem simplen Versorgungskonzept noch heute!! 1000de von Arbeitnehmern so über ihren acht- bis zehn-stündigen Arbeitstag: Sie essen in den Pausen ein Brot und einen Apfel!

Am heutigen Tag titelte eine Boulevardzeitung zum einen zum Tod von weiterer zig Menschen (erstickt in einem Lastwagen), direkt neben dem Millionentransfer irgendeines Balltreters zu irgendeinem Fußballverein. Wie können wir in einem solchen Land davon sprechen, was wir uns leisten können und was nicht?

Jeder, der in den sozialen Medien unqualifiziert und auch ohne einmal darüber nachgedacht – geschweige denn den Wahrheitsgehalt überprüft zu haben – Bilder oder Geschichten teilt, die nur dazu dienen, gegen die Menschen Stimmung zu machen, muss sich vor dem Hintergrund der Eskalationen der letzten Wochen schämen. Alleine in diesem Jahr starben schon tausende bei Ihrer Flucht auf dem Mittelmeer. Verdurstet, verhungert, ertrunken. Ich schäme mich fremd für meinen Landsmann und meine Landsfrau, dem/der scheinbar jegliche Empathie für diese Menschen zu fehlen scheint. Ich schäme mich, dass solche polemischen Scheißhausparolen unqualifiziert geteilt werden und nur so wenige dagegen halten!

Nein, ich bin kein absoluter Freund der momentanen Flüchtlings- und Asylpolitik. Da gibt es, im Interesse aller, viel zu tun und zu ändern. Die Politik muss sich ihrer Verantwortung viel bewusster sein, selten hat sie so versagt, wie in der aktuellen Situation. @ Angela Merkel: Ihr Verhalten ist beschämend!! Und nein, auch ich habe keine ultimativ geniale Idee, aber ich bin auch nicht Frau Bundeskanzlerin. Das rechte Pack in Freital, Heidenau und andernorts erfüllt meiner Meinung nach alle Aspekte, um unter die Terrorgesetze zu fallen und damit auch entsprechende Behandlung erfahren zu dürfen (anstelle der wirkungslosen Polizeiaktionen vor Ort), aber ich bin eben auch nicht Innenministerin. Vielleicht sind auch einfach die Bundesanwälte viel zu sehr mit wichtigeren Dingen – wie Journalisten verklagen – beschäftigt, um hier tätig zu werden…

Eines noch zum Abschluss an die „besorgten Bürger“, die Freunde der eingängigen Worte: Oft liest man „Unsere alten Menschen, die Deutschland mit aufgebaut haben, bekommen nichts…“ – Nun, das stimmt wohl so nicht. Sie bekämen schon, wenn sie bedürftig sind und es denn auch NEHMEN würden. Oftmals ist diese Generation leider auch zu stolz dafür.…Es aber darf wohl als sicher gelten, dass die alten Menschen, die sich an die Flucht erinnern, kaum damit einverstanden sein werden, vor diesen rhetorisch braunen Karren gespannt zu werden. Denn einen Karren, den haben sie vor 70 Jahren auf dem Weg in den Westen gezogen und Sie wissen wie es ist ein Flüchtling zu sein. Sie haben es nicht vergessen! – Hütet Euch, ihren Namen in Euren braunen Schmutz zu ziehen!!

Simone Schönbeck

 

Quelle: Textteile und Zahlen zur Trakehner Geschichte sind gebündelt hier entnommen.

3 Gedanken zu „Die Trakehner und die Flüchtlinge…..

  1. Liebe Simone hast du etwas von unsere sammelaktion auf dem Trakehner butu mitbekommen? Ich hätte Soo gern gezeigt, dass wir nicht nur junker sind. Der klägliche Betrag, der da zusammenkam stammt fast zu 100 Prozent aus „meinem Dunstkreis“, den Leuten, mit denen ich mich sowieso und auch zu dieservkurzfristigen Idee ( bis sie denn mal vom Vorstand genehmigt wurde) ausgetauscht habe und von den Ausstellern … Ich war ganz schön enttäuscht.
    Deinen Eintrag hier finde ich gut und richtig.

  2. Vielen lieben Dank für diesen wunderbaren Artikel und den Mut, dies so öffentlich zu schreiben! Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch. Punkt.

  3. Ich bin ein direkter Nachkomme einer Flüchtlingsfamilie, die 1944/45 flüchten mussten.Meine Mutter war damals noch kein Jahr alt, als sie die Flucht aus dem Ostpreussischem mitantrat.
    Der Vater meiner Frau musste als Kleinkind Siebenbürgen verlassen, auch sie wurden aus ihrer Heimat vertrieben.
    Beide vertriebenen Familien wurden nicht gerade „erfreut“ aufgenommen, weder in Deutschland noch in Österreich.
    Aber eines wurde bei nicht gemacht: Mit Hassbotschaften überhäuft,wie es heute in unserer ach so feinen Anonymgesellschaft geschieht.Denn jeder war in einer Ähnlich bescheidenen Lage!
    Wenn HEUTE jeder sein Hirn einschalten würde und an die jüngere Vergangenheit denken würde, MÜSSTE und MUß gerade heute, wo es uns so gut geht, JEDER aufstehen und seinem Mitmensch “ Flüchtling “ helfen, gerne helfen wollen, denn es gibt nach wie vor keine Garantie für uns, daß es immer so bleiben wird!

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